75 Jahre Reichspogrom

Fürstenauer Thorarolle heute in Kalifornien

Vom 08.11.2013, 16:39 Uhr
Uniformierte SA- und SS-Männer zünden das Gestühl des jüdischen Betraumes an. Repro: Archiv Bernd KruseUniformierte SA- und SS-Männer zünden das Gestühl des jüdischen Betraumes an. Repro: Archiv Bernd Kruse

bern Fürstenau. Zum Thema „75 Jahre Reichspogrom – auch in Fürstenau“ stellt Bernd Kruse aus Lonnerbecke neue Forschungsergebnisse vor. Im Mittelpunkt stehen dabei die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Osnabrück sowie der Verbleib der kleinen Fürstenauer Thorarolle in Kalifornien. Hier der Beitrag.

 

Die Staatsanwaltschaft Osnabrück führte von 1949 bis 1951 Ermittlungen zu den Vorkommnissen durch, die in Fürstenau in aller Öffentlichkeit am 10. November 1938 (Reichspogrom) passierten. Am 18. Juni 1951 stellte der leitende Oberstaatsanwalt das Verfahren ein. Viele Beschuldigte zeigten in den Vernehmungen große Erinnerungslücken.

„Ich kann mich heute nicht mehr besinnen, ob damals über diesen oder jenen etwas Bestimmtes gesagt worden ist“, so der ehemalige nationalsozialistische Ortsgruppenleiter Fürstenaus in seiner Vernehmung im August 1949. „Ich kann mich nicht mehr erinnern“, äußerte sich wenige Tage später auch der im November 1938 amtierende Bürgermeister Fritz Werkenthien gegenüber der Staatsanwaltschaft.

Diese und ähnlich lautenden Äußerungen durchziehen den gesamten etwa 250 Seiten umfassenden Untersuchungsbericht der Ermittlungsbehörde.

Die Staatsanwaltschaft hatte 52 Männer und Frauen zu den Geschehnissen in Fürstenau im November 1938 befragt, alles säuberlich notiert, die Protokolle abgeheftet und dann ins Archiv gestellt. Später landeten die Akten im Staatsarchiv Osnabrück – bis sie vor ein paar Jahren freigegeben und erstmalig ausgewertet wurden.

Der Oberstaatsanwalt hat die Ermittlungen zur Kenntnis genommen und das Verfahren rechtens „gemäßParagraph 3, Absatz 1 des Straffreiheitsgesetzes vom 31. Dezember 1949 eingestellt“. Dieses Amnestiegesetz bewirkte, dass in Fürstenau – wie in den meisten Städten Deutschlands – die Vorkommnisse der sogenannten „Reichskristallnacht“ bis in die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts unter den Teppich gekehrt wurden.

Was aber ist in Fürstenau am 10. November 1938 passiert? Vor allem SA-Männer, aber auch SS-Leute Fürstenaus sammelten sich ab acht Uhr morgens, besorgten sich Benzin, stürmten in das Haus des jüdischen Schlachters Frank am heutigen Schwarzen Weg Nr. 3 und warfen sämtliche Möbel durch die Fenster aus dem im Obergeschoss befindlichen jüdischen Gebetsraum auf die Straße.

Gebetbücher, die den Juden heiligen Thorarollen und weitere Kultgegenstände landeten ebenfalls dort. Die Männer türmten alles wie auf einem Scheiterhaufen auf.

SA- und SS-Uniformierte posierten mit einer auseinandergerollten Schriftrolle vor diesem Haufen und setzten alles in Brand. Eine kleine Thorarolle der jüdischen Gemeinde Fürstenau wurde an diesem Tage jedoch nicht ein Raub der Flammen. Sie wurde gerettet und gelangte auf abenteuerlichem Weg nach Kalifornien (USA) in eine Synagoge. Bis heute geben Texte dieser Fürstenauer Thorarolle gläubigen Juden Hoffnung, Mut und Zuversicht für ihr Leben.

Während der Zerstörungsaktion des jüdischen Gebetsraumes waren auch Schulkinder anwesend, die von ihrem Volksschullehrer dorthin geführt worden waren. „Er hat vor allem die älteren Jungen vor dem Frank’schen Hause aufgefordert, Steine in die Fensterscheiben des Judenhauses Frank zu werfen“, so erzählte die jetzt 86-jährige, heute in Bremen lebende Erika Kuhn, die aus Fürstenau stammt. Ihre und ähnliche Aussagen von heute noch lebenden Augen- und Zeitzeugen werden durch die Protokolle der Staatsanwaltschaft und durch vor ein paar Jahren wiederaufgetauchte Fotobeweise bestätigt.

Über die Festnahme fast aller jüdischen Männer Fürstenaus am Vormittag des 10. November 1938, ihre bedrückenden Erlebnisse im Altkreis Bersenbrück, im Gestapokeller in Osnabrück und später im KZ Buchenwald bei Weimar finden sich Aussagen in den Protokollen der Staatsanwaltschaft, aber vor allem in dem handschriftlichen „Tagebuch“ von Bernhard Süskind, dem heutigen Ehrenbürger Fürstenaus.

Begegnungen am Bippener Bahnhof

 

Jugendliche aus Bippen erinnern sich . . . . .

Auf der Bahnstrecke Rheine-Quakenbrück verkehrten bis zum Frühjahr 1945 noch regelmäßig einige Züge. So wartete an einem Nachmittag ein Güterzug aus Rheine auf Gleis 3 des Bippener Bahnhofs, um einen entgegenkommenden Zug passieren zu lassen. Als Schutz vor Tieffliegern hatte dieser Zug, einen Wagen mit Drillings- und Vierlings- Geschützen angehängt. Wir Jugendlichen vom Bahnhof waren sehr neugierig und erkundeten die "Sache" gleich aus der Nähe.

Die wartenden Soldaten erlaubten uns auch sofort auf die Geschütztürme zu klettern. Als wir nun mit den Geschützen herumhantierten kamen plötzlich einige Flugzeuge im Tiefflug über die Bahnlinie. Sie hatten in Lulle einen Zug beschossen und waren im Abflug. Blitzschnell besetzten die Soldaten die Geschütze und feuerten sofort aus allen Rohren den Flugzeugen entgegen. Dieser Beschuß kam für die Flieger wohl überraschend, sie konnten nur mit großer Mühe abdrehen. Während wir Zuflucht im Bahnhof suchten, sahen wir wie ein Flugzeug getroffen wurde und mit einer Rauchfahne abdrehte. Später wurde berichtet, daß dieses Flugzeug im Emsland abgestürzt war.

Einige Tage vor dem Einmarsch der Alliierten Truppen in Bippen zogen große Mengen zurückweichender deutscher Truppen durch unser Dorf. Danach herrschte eine toten Stille. Nur vereinzelt waren noch Schüsse aus der Ferne zu hören. Die feindlichen Flugzeuge hatten Flugblätter abgeworfen, auf denen zu lesen war: "Ergebt euch in Bippen, sonst werden wir andere Maßnahmen ergreifen, und Bippen wird völlig zerstören". Alle die im Bahnhofskeller Zuflucht gesucht hatten waren der Meinung, die deutschen Truppen seien abgezogen, und der "Tommi" kommt. Damit uns nichts passiert, so dachten wir, währe es gut, jetzt eine weiße Fahne herauszuhängen.

Der Bahnhofsvorsteher und der damahlige Weichenwärter nahmen ein weißes Bettuch und zogen es am Fahnenmast auf dem Bahnhofsvorplatz hoch. Gerade in diesem Augenblick kam über die Bahnschienen aus Richtung Fürstenau eine Gruppe deutscher Soldaten. Diese, sechs bis sieben versprengten Soldaten gehörten wohl dem Infantrieregiment Großdeutschland an, welches zum größten Teil aus SS-Leuten bestand. Es folgten noch weitere Gruppen, zwei bis drei Mann stark, die über die Bahnlinie aus Fürstenau in Richtung Nortrup- Quakenbrück unterwegs waren. Plötzlich marschierte so ein Stoßtrupp, Gewehre im Anschlag, direkt auf uns zu. Wir bekamen Angst. Wir fingen an zu zittern. Was haben die mit uns vor?. Einer dieser Soldaten beschimpfte und bedrohte uns heftig. "Was seit ihr nur für Deutsche, was fällt euch ein, der Krieg ist noch lange nicht verloren. Wir Deutsche lassen uns nicht unterkriegen. Wenn ihr nicht sofort die Fahne entfernt, erschießen wir euch alle auf der Stelle". Während er schimpfte, stieß er immer wieder mit seinem Gewehr auf meines Vaters Rücken ein. Das war kein Spaß. Uns wurden bewußt, daß er aus seiner Drohung ernst machen würde. Nachdem mein Vater das "Weiße Tuch" eingeholt hatte, rieß der aufgebrachte Soldat die Fahne an sich. Im Laufschritt überquerte er die Bahnhofstraße. Das Tuch warf er in den Mühlenbach und verschwand über den Holländerweg in Richtung Nortrup.

Am Vormittag des 10. April 1945 erfolgte dann die Besetzung durch die englischen Truppen. Meine Eltern, meine Schwester, mein Bruder und unsere Nachbarn waren in unseren Bahnhofskeller geflüchtet. Auf der ganzen Bahnhofsstraße, von Wrigge bis über die Bahnschienen standen Millitärfahrzeuge. Es waren einige Panzer und viele Lastwagen mit großen Reifen, die sich hier für die Weiterfahrt in Richtung Döthen sammelten. Aus der Ferne dröhnte ein Maschinengewehr. Die englischen Soldaten suchten in Richtung Bahnhof hinter ihren Fahrzeugen Schutz. Wir standen im Eingang des Bahnhofkellers und beobachteten das Geschehen durch die Schlitze der Kellerlappen. Wir hörten und sahen wie britische Soldaten mit ihren Gewehren auf der Straße und dem Bahnhofsvorplatzes hin und her liefen. Plötzlich war ein schrecklicher Knall zu hören. Das Geschoß eines Panzers verfehlte nur knapp unseren Kellereingang und schlug neben uns in die Hausecke ein. Später sahen wir, daß ein großes Stück der Hausecke abgebrochen war. Wir bekamen panische Angst und befürchteten die Engländer würden noch eine Handgranate in unseren Schutzkeller werfen. Kurzentschloßen wickelten wir ein weißes Tuch um einen Besenstiel, öffneten die Holzklappen vorsichtig und hängten die Fahne nach draußen. Wir verließen den Keller und die Soldaten versammelten sich sofort um uns. Wir Jungen trugen Schirmmützen mit einem Edelweiß an der Seite, welches von den Soldaten als SS-Zeichen gedeutet wurde. Sie riefen immer wieder: "SS-Mann, SS-Mann". Meine Mutter fing an zu jammern: "Nein, das sind ja noch Kinder, sie sind noch viel zu jung". Ein Dolmetscher forderte unseren Ausweis und erklärte den erregten Soldaten, daß wir wirklich erst 14 und 15 Jahre alt waren. Mit einem kräftigen Gewehrhieb beförderten sie uns zurück in den Keller.

Anschließend durchsuchten die Engländer den Bahnhof nach verschanzten deutschen Soldaten. Hierbei verschwand aus unserer Wohnung auch meine Taschenuhr, die ich zur Konfirmation bekommen hatte. Über unserem Kochherd hingen eine ganze Reihe silberner Löffel, auch diese ließen sie mitgehen. Meine Mutter versuchte durch gutes Zureden die Löffel zu retten. Nur widerwillig rückte der Soldat das Besteck wieder heraus. Ein Löffel wurde von ihm mit den Worten: "Gut, trügge, eine, aber eine mit", als "Souvenir" eingesteckt.