ÖLMÜHLE

Die Ölmühle im Jahr 2006.
Die Ölmühle im Jahr 2006.
Die Ölmühle im Betrieb.
Die Ölmühle im Betrieb.
Die alte Ölmühle auf dem Sültehof kurz vor dem Verfall ( erstmals erwähnt 1555)
Die alte Ölmühle auf dem Sültehof kurz vor dem Verfall ( erstmals erwähnt 1555)
Das bei der Renovierung freigelegte Getriebe mit Mahlgang und beiden senkrecht stehenden Steinen.
Das bei der Renovierung freigelegte Getriebe mit Mahlgang und beiden senkrecht stehenden Steinen.
Die Ölmühle nach der Wiederherstellung.
Die Ölmühle nach der Wiederherstellung.

Ölmühle in Lonnerbecke als einzigartiges Kulturdenkmal

im Osnabrücker Land wieder voll funktionstüchtig

 

Ausschnitt aus dem Bersenbrücker Kreisblatt vom 17.10.2003
Autor: Christian Geers

Schwere Mühlsteine knacken harte Schalen

Sültebach treibt Wunderwerk menschlichen Erfindergeistes an – Majestätisches Schlagen weit zu hören

"Damit Sie es gleich wissen: In dieser Mühle wird nicht gemahlen." Alexander von Spiegel muss schmunzeln. Die Reaktion, die er mit diesem Satz bei den Zuschauern erntet, kennt er bereits: Ungläubig schauen sie ihn an. Dann aber fragen sie zaghaft nach, ob er das tatsächlich ernst meine. "Ja", sagt er und löst das Rätsel in den Köpfen der Betrachter schnell auf: "Die Mühlsteine mahlen die Körner nicht, sie zerquetschen sie."

Die Ölmühle in Bippen-Lonnerbecke, das lernen die Besucher gleich, ist zwar eine Wassermühle, aber eben keine im herkömmlichen Sinne. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg war – wie in den fast fünf Jahrhunderten zuvor – ihr einziger Zweck, die sommerliche Fettlücke zu schließen. Aus ölhaltigen Früchten wie Raps, Hanf, Leinsamen oder den in Notjahren gesammelten Bucheckern gewann der Müller einen lebenswichtigen Rohstoff: Fett war damals ein Luxusgut, sparsamer Verbrauch oberstes Gebot.

Die wuchtige Holzachse unter dem Dach knarrt und ächzt. Als wolle sie dem Betrachter deutlich machen, welche Kraftanstrengung ihr gerade abverlangt wird. Aber sie dreht sich beständig, als müsse sie die Jahre des Stillstandes überwinden. Mit jeder Drehung greifen die Zähne der Holzräder ineinander und setzen durch ein geschickt ausgeklügeltes System die beiden tonnenschweren Mühlsteine in Gang.

Alexander von Spiegel sieht bei jeder einzelnen Drehung ganz genau hin. Der Mühlenfachmann aus Senne bei Bielefeld kennt inzwischen jeden Winkel in der Ölmühle. Seit mehr als drei Monaten verbringt er seine Zeit regelmäßig in dem für das Osnabrücker Land einzigartigen Kulturdenkmal. Nur in Melle gibt es noch eine funktionstüchtige Ölmühle.

"Mühlen wie diese hier sind in Deutschland selten geworden", sagt er. Was ihn besonders beeindruckt: "Hier verfolge ich nicht den traditionellen Weg vom Korn zum Brot, sondern von der Frucht zum Öl." Und er ist fasziniert von dem Ideenreichtum seiner Vorgänger. Mühlentechnik war damals das Ergebnis unzähliger Tüfteleien. Jeder Vorgang musste ja erst ausgedacht und dann mit Hilfe der Wasser- oder Windkraft technisch umgesetzt werden.

Draußen rauscht das Wasser des Sültebaches über das mächtige Holzrad und sorgt für den nötigen Schwung im Inneren. "Sülte", das bedeutet so viel wie "wasserreiche Niederung".

Kraftstrotzend wirkt der Bach, und das nicht zu Unrecht. Auch wenn man es ihm zunächst nicht ansieht, wenn er sich auf dem Weg von seiner Quelle nahe den Dalumer Teichen durch die waldreiche Lonnerbecker Landschaft bis nach Vechtel schlängelt. Die Kraft entwickelt er unterwegs durch viel Gefälle.

Das entdeckten vor 500 Jahren wohl auch die Besitzer des Sültemühlen-Hofes, denn er Bach trieb zu Höchstzeiten auf einer Entfernung von einem Kilometer die drei zum Hof gehörenden Mühlen an.

Neben der Ölmühle gab es noch die Walkemühle, die später zu einer Sägemühle umfunktioniert wurde, und die Beutelmühle. Deren Wasserräder drehten sich beständig und brachten dem Besitzer Wohlstand.

Lange Zeit sah es allerdings so aus, als gehe es mit der Mühlenromantik in Lonnerbecke sprichwörtlich den Bach hinunter. Nach der Sanierung des fast verfallenen Gebäudes im Jahr 1978 blieb lange ein großer Wunsch der Mühlenfreunde unerfüllt: Das Mahlwerk konnte anders als Mauern und Fachwerk nicht wiederhergestellt werden.

Doch es kam anders, wenn auch ein Vierteljahrhundert ins Land ging. Nicht zuletzt deshalb, weil Kreisheimatbund Bersenbrück (KHBB) und Heimatverein Bippen stets an die Restaurierung des Mahlganges im Innern geglaubt haben. Bis in diesem Jahr schließlich Mittel aus einem EU-Fördertopf flossen und die Restaurierung in einem gemeinsamen Kraftakt geschultert werden konnte, an dem sich auch Samtgemeinde Fürstenau, Gemeinde Bippen und das Amt für Agrarstruktur beteiligten.

Die offizielle Einweihung ist längst gefeiert worden. Von Spiegel beseitigt nun noch einige "Kinderkrankheiten, damit die Mühle künftig reibungslos läuft". Das Knarren und Knirschen der Achsen beunruhigt ihn nicht, schließlich sind wahre Kräfte am Werk, wenn das mächtige Königsrad das Mahlwerk antreibt.

Fast eine Tonne wiegen die Beiden senkrecht stehenden Mühlsteine auf dem Mahltisch, auch Kollergang genannt. Sie sind mit einer Achse verbunden, unterschiedlich groß und erfüllen den einen Zweck: Sie knacken die harten Schalen des Mahlgutes und zerquetschen es, damit der Müller später leichter an das kostbare Öl gelangt.

"Wenn es unter den Steinen nicht mehr knirscht, sind die Schalen geknackt", erklärt von Spiegel, während die Mühlräder sich weiter drehen. Er legt einen Hebel um, und während sich die Mahlsteine drehen, befördern zwei Schubbretter das Mahlgut durch eine Öffnung im Mühltisch in einen Behälter.

Von dort geht es gleich weiter in eine Blechwanne, die auf einem Herd steht. In ihm werden die zerquetschten Körner dann etwa 15 Minuten lang erhitzt. Das sie nicht anbrennen, dafür sorgt ein Rührwerk, das ebenfalls durch das Wasserrad angetrieben wird. "Beim Erhitzen kam es immer auf das Geschick des Müllers an", erklärt Alexander von Spiegel. War das Mahlgut zu kalt, dann war die Ölausbeute geringer. Auch zu viel Hitze war der Ölgewinnung nicht zuträglich.

Die eigentliche Ölgewinnung, das Ausschlagen, aber findet dann anschließend im Stampfwerk statt, einem mächtigen Gestell aus massiven Eichenbalken. Es steht mitten in der alten Ölmühle und ist der Ort, an dem das Stampfen für alle majestätisch laut klingt.

In die beiden kleinen Schächte legt von Spiegel die Leinensäcke mit dem erhitzten Mahlgut. Darauf kommt eine Platte aus Stahl, auf die wiederum die Kraft eines Eichenstammes wirkt. Der wird durch die Drehachse, die wie eine Nockenwelle wirkt, alternierend angehoben und fällt dann aus eigener Kraft auf die Platten. Mit jedem Schlag, der weithin lautstark als "Bums-Bums" zu hören ist, wird das Öl aus den gequetschten Körnern gepresst. Die flüssige Ausbeute tropft dann in einen unter dem Schlagwerk stehenden Tonkrug.

Doch den "fingerdicken Strahl", wie der frühere KHBB-Vorsitzende Professor Dr. Eberhard Ostendorff in einem Aufsatz über die Ölmühle schreibt, hat von Spiegel noch nicht gesehen.

Auch Werner Hollermann nicht. "Die bisherige Ölausbeute war doch etwas mager", kann sich der Vorsitzende des Heimatvereins Bippen ein Lächeln nicht verkneifen. Vielleicht liegt es ja doch an den "mageren" Hanfkörnern: "Die verfügen ja nicht über mehr als fünf Prozent Öl."

Doch bevor Alexander von Spiegel das idyllische Kleinod in Lonnerbecke verlässt, muss er sich noch als Lehrmeister betätigen. Denn gesucht werden wie einst "Ölmüller"" die sich mit der Technik auskennen und die das Wunderwerk fachmännisch bedienen können. Damit auch nachfolgende Generationen etwas von der Einmaligkeit der Ölmühle in Lonnerbecke erfahren.

Wasserrad der Wassermühle Lonnerbecke
Wasserrad der Wassermühle Lonnerbecke